Florida, Miami

Das überflogene Gelände ist trist und einfach, ein paar Seen und kleine Hütten sind zu sehen, alles ist weiträumig und verstreut. Der Himmel ist bewölkt und automatisch kommt das Gefühl auf, es könnte kalt sein.

Die Landung ist sauber und erstklassig, alle Passagiere klatschen. Auf dem Flughafen muss man einen unendlich scheinenden Weg bis zum Zoll zurücklegen, das Klima ist aber angenehm, kühl und erfrischend durch Klimaanlagen. Entlang des Ganges sind subtropische Pflanzen hinter Glas in zahlreichen Variationen zu sehen. Es wirkt irgendwie gekünstelt. Das sollen die Subtropen sein?

 

Am Zoll stehen lange Schlangen und die Menschenmenge strahlt Nervosität aus. Die Abfertigung erfolgt dennoch zügig und unproblematisch. Hinter den Zollbeamten sind wir wieder auf uns allein gestellt. Die Suche nach Schildern und Hinweisen beginnt.

Aus dem Flughafengelände mal kurz raus, denke ich und öffne eine der Türen ins Freie. Ein heißer, erwarteter Luftzug strömt mir entgegen. Befriedigt kehre ich zu Sandra zurück. Wir suchen nach meiner Mietwagenfirma und nach langem hin und her stehen wir an einer Haltestelle, an der spezielle Busse zur Mietwagenstation fahren.

Unkonzentriert wende ich mich direkt an einen Angestellten, ohne mich anzustellen und versuche mich mit meinen Computerenglisch verständlich zu machen. Nach 5 Minuten habe ich meinen Autoschlüssel in der Hand und trabe los. Erst jetzt bemerke ich die Menschenmenge, die in Schlangen auf Mietwagen wartet. Das Auto ist ein Kleinwagen einer japanischen Firma und hat gerade mal dreizehntausend Meilen runter. Wir verstauen die Taschen und steigen ein. Das Radio funktioniert, nur die Klimaanlage, das zweite, was ich versuche, scheint nicht in Gang zu kommen. Nach zwei Minuten kommt auch der Dusseligste darauf, dass man erst den Motor anwerfen muss. Klimaanlage O.K. und angenehm; die ersten Fahrversuche mit einem Automatikgetriebe werden gemacht.
Es gibt keinerlei Probleme im Umgang mit dem Fahrzeug und wir entschließen uns in die Stadt zu Fahren und zum Strand, an dem unser Hotel ist. Weder Richtung noch Lage ist mir bisher klar. Vom Hotel habe ich keine Adresse, nur ein Bild und eine vage Vorstellung, wo es sein könnte.

Die Fahrt ist erstaunlich einfach, denn die Straßen sind gut beschildert, vor allem nach mir vielsagenden Himmelsrichtungen. Nach der Sonne kann ich hier nicht gehen, sie steht zu hoch, um eine Richtung feststellen zu können. Der Highway weitet sich auf in gut 12 Spuren und man muss einen Quarter in einen Gitterkorb werfen, um weiterfahren zu können - Straßenbenutzungsgebühr.

Es ist ein phantastisches Gefühl, mit einem tollen Wagen in völlig unbekannte Gebiete vorzustoßen. Der Highway, die Wolkenkratzer, die Sonne, die jetzt doch durchkommt, und die Palmen überall...

Das Art Deco Center in Miami Beach kann so groß nicht sein und dort ist auch irgendwo unser Hotel. Wir fragen Passanten nach dem Hotel, von dem wir nur den Namen wissen und ein Bildchen aus einem Prospekt haben, aber erst ein Taxifahrer kann uns den Weg zeigen.

Das nächste Problem ist, einen Parkplatz zu finden und die damit verbundenen unbekannten Verkehrsschilder zu übersetzen. Das Dumme ist, selbst nach dem Übersetzen weiß man meist nicht, ob man nun parken darf, oder nicht, zumindest als Neuling. Ich parke also zuerst in einer Nebenstraße. Eine Straße ohne Schilder gibt es nicht und eine ohne parkenden Autos schon gar nicht.

Der Hotelportier versteht mein Englisch einigermaßen und gibt uns einen Zimmerschlüssel sowie eine Parkerlaubnis. Ich bin mir bewusst, dass ich nicht alles verstanden habe, aber die Nummer des Schlüssels werde ich schon an irgendeiner Tür finden.

Aufzuschließen geht das Zimmer einwandfrei, aber mit dem Abschließen habe ich eine halbe Stunde lang zu tun, bis ich feststelle, dass man nur innen einen Knopf drücken muss und die Tür dann zu fällt. Es ist das erste, womit ich größere Probleme habe.

Das Zimmer selbst ist nicht unbehaglich, es gibt einen Fernseher, Klimaanlage, ein riesiges Bett, einen Wandschrank und Bad mit Dusche, Wanne und Toilette. Das Telefon werden wir wohl nicht brauchen.

Nach dem groben Orientieren entschließen wir uns zum Strand zu gehen, der nur etwa hundert Meter vom Hotel entfernt ist. Es ist für mich der erste Kontakt mit dem Atlantik und ich bin natürlich aufgeregt. Obwohl Sandra schon im Atlantik baden war, ist auch sie aufgeregt und läuft mir fast davon. Der Anblick ist herrlich, die Sonne brennt wie verrückt und die Menschen ringsherum sind auf relaxen eingestellt.

Irgendwie kehrt jetzt Ruhe ein und auch ich spüre die Anstrengungen der vielen letzten Stunden. Das Wasser ist warm, viel wärmer, als ich mir vorgestellt habe und sehr salzig.

Unser Hotel liegt in einer belebten, gut angesehenen Gegend mit viel Publikumsverkehr. Es wird viel Skateboard gelaufen, Autos fahren Schritt und überall hört man Musik. Der Strand selbst ist geteilt durch die Dünen. Auf dem Weg zur Straße gibt es Duschen, damit man sich das Salzwasser abwaschen kann.

Wir bleiben nicht lange am Strand, die Müdigkeit setzt sich durch, obwohl die Erlebnisse sich überstürzten. Die Nacht kommt hier ohnehin zeitiger und schneller als zuhause.

Am nächsten Morgen ist das erste ein gutes Frühstück im Hotel und eine Rundfahrt durch Miami Beach. Es ist noch zeitig und die Straßen sind noch leer. Wir begeistern uns wieder für die Palmen und allgemein für das so 'Andere'. Die Ampeln hängen quer über der Straße, die Fußgänger können auch schräg die Kreuzung überqueren und überall steht "No turn on red", was das Rechtsabbiegen ausdrücklich verbietet. Das Bild der Stadt Miami Beach ist nicht besonders würdevoll. Die Stadt ist nicht gerade sauber und auch nicht unbedingt gepflegt, sie ist aber nicht schmutzig.

Eine Fahrt nach Miami Down Town bringt Leben in uns, denn erst heute sehen wir deutlich den Hafen mit vielen riesigen Überseepassagierschiffen. Auch die Fahrt über die Brücke, die den Blick auf den Ozean freigibt, wirkt heute ganz anders auf uns. Das was wir von weiten als Wolkenkratzer wahrnehmen konnten, erweisen sich in der Nähe als gepflegte Hausriesen, die allesamt dem Bankgewerbe dienen.

Wenn man aus Berlin kommt, so erscheint diese Stadt Miami insgesamt etwas müde und klein. Der Trubel einer Großstadt ist nicht nur deshalb nicht zu entdecken, weil Sonntag ist. Alles ist etwas großflächiger angelegt, als zuhause und die Straßen bieten genügend Freiraum für Unmengen von Autos, die in ihrer Geschwindigkeit jedoch mächtig gebremst werden, da überall strenge Geschwindigkeitsbegrenzungen die überschnellen Autofahrer mahnen und Schildchen mit hohen Dollarstrafen drohen.

Die Fahrt aus der Stadt scheint nicht möglich zu sein, denn nirgendwo beginnt etwas Feldähnliches oder der wilde Hauch der Natur, es reihen sich kilometerweit Haus an Haus in großzügigem Abstand und bieten Benzin, Dienstleistungen oder Unterkunft an.

 
Die Strecke, die ich fahre, ist dicht besiedelt, da es am Atlantik entlanggeht. Alles gehört natürlich nicht zu Miami, aber man fängt an zu begreifen, dass das Land groß ist und die Größe nicht gleich Dichte sondern Weite heißt.

Irgendwann kommt dann doch Natur, der Beginn der Everglades, die unberührten Sümpfe im Süden Floridas. Immer noch sieht man ab und zu einen Supermarkt oder ein kleines Gehöft.

In die Sümpfe selbst kann man nicht reinfahren oder Laufen, denn es gibt kaum Wege oder zumindest sind die den Touristen nicht bekannt. Dafür gibt es überall Stationen, die zur Aerboatfahrt in die Everglades einladen. 

Die Aerboote machen einen Höllenlärm und schweben über trockenes oder nasses Gras genauso wie über offenes Wasser. Irgendwo in den Sümpfen halten die Aerboatfahrer und erzählen etwas über die Sümpfe und ihre Bewohner. Hauptsächlich bekommt man wohl Alligatoren und Wasserschildkröten zu Gesicht. Ohne Zweifel für einen Berliner ein Naturparadies.

Eigentlich gehörten die Sümpfe einmal den Indianern, nachdem man sie schon aus fruchtbareren Gebieten vertrieben hatte. Während ihrer schweren Niederlagen zogen sich die Indianer damals weiter in die Sümpfe zurück. Auch dort wurden sie nicht verschont und heute gibt es nur noch sehr wenige der damals Überlebenden. Die Micosucci-Indianer leben heute in Reservaten und viele von ihnen leben vom Tourismus, indem sie den Besuchern zeigen, wie sie leben bzw. gelebt haben und selbst gefertigte Waren anbieten.

In den Everglades gibt es auch noch Panther, aber deren Zahl liegt schon unter dreißig.
Im Miami Seaquarium kann man Delphine, Wale und Haie in verschiedenen Shows anschauen.  

Wenn man spätabends noch in den Atlantic baden geht, so ist die Wassertemperatur größer als die Lufttemperatur. Es macht großen Spaß sich im Wasser zu tummeln.

Fährt man weiter in den Süden, so wie wir, gelangt man unweigerlich an den südlichsten Zipfel der USA, Key West. Eine Kette kleiner Inseln führt bis zu diesem Ort. Manchmal überspannen kilometerweite Brücken das Meer zwischen den einzelnen Inseln. Das Wasser ist flach und es gibt nicht so viele Strände wie an der Ost- und Westküste Floridas.

Auf den Straßen in Miami gibt es einen Horror, den Schulbus. Dieser braungelbe Bus stoppt jeglichen Verkehr auf allen Fahrspuren und Straßenseiten, wenn er hält. Vor dem Halten schwenkt der Schulbusfahrer ein großes Stopschild heraus. Die Schüler selbst, sich des völlig lahmgelegten Verkehrs sicher, stürzen auf die Straße und bewegen sich in die Schule oder nach Hause. Auch die Polizei ist sehr präsent und schnell, wenn es um das Festnageln eines Verkehrssünders geht.

Im Normalfall kann man einen Regenschirm immer bei sich tragen, um sich vor der stechenden Sonne zu schützen. Weniger viel hilft er vielleicht, wenn einer der plötzlichen und intensiven Regengüsse über einen herfallen. In wenigen Sekunden ist eine Unmenge Wasser unten auf dem Boden angelangt und meist regnet es so nur einige Minuten. Die Sonne kommt dann sofort wieder zum Vorschein und europäische Wetterprognosen braucht man gar nicht erst anzustellen, denn kaum ein Tag ist ohne Sonne, wenn es auch manchmal so aussehen mag.

Ein Viertel der französischen Art, mit Straßencafes und kleinen Geschäften findet man in Miami im Kokosnusshain (Coconut-Grove). Das auch als Künstlerviertel bezeichnete Gebiet ist sehr gepflegt, ähnlich den Nobelvierteln von Coral Gable, und ist durch seine Lage gut bewaldet und mit Riesenbäumen (Sykomoren) versehen, die mächtigen Eindruck auf uns gemacht haben.

Zu Miami, genauer zu Miami Beach, gehört das Nachtleben, was wie den Kurfürstendamm den Ocean Drive ziert, nur dass es viel sittsamer und in der Menschenmenge bescheidener zugeht. Auch fehlen die edlen Geschäfte. Lediglich Bars und Cafes, die die Hotelkette schmücken, liefern den angenehmen Drang zu verweilen, da bunte Lichter, schöne Musik und viele Menschen die Aufmerksamkeit auf uns lenken. Zumindest auf mich wirken auch die vielen hübschen Mädchen, die zum Nachtleben wie zum Strand von Miami Beach einfach dazugehören. Tagsüber kann man schon mal den einen oder anderen Fotografen sehen, der mit seinen Models am Strand arbeitet und den Männern lange Hälse verpasst.

Eine Fahrt in den Westen von Florida bringt uns zum Golf von Mexiko. Es ist keine lange Fahrt, nicht mal 200 km und wir sind schon zeitig am Morgen in Naples. Auch wenn es erst neun Uhr ist, so ist doch die Sonne schon mächtig stark und der Strand mit Kindern einschließlich ihrer Mütter sparsam belegt - ein ganz normaler Arbeitstag also. Trotzdem arbeiten in Amerika wohl mehr Frauen als in Deutschland. Später wird der Strand voller.

Der Strand am Golf ist sehr viel heller, weißer und weicher als an der Ostküste. Viele schöne Muscheln schmücken den Strand. Im Wasser schwimmen Fischschwärme zu Tausenden, unzählbaren Fischen. Mir scheint das Wasser nicht ganz so salzig zu sein.

Die Wohngegenden an der Westküste sind gepflegter und nicht so vom Tourismus geprägt. In Fort Mayers ist genauso wie in Miami der Strand als Insel vorgelagert, aber hier hat man ganz anders gebaut. Kleiner, nicht so auffällig und sauberer.
Etwa 300 Kilometer nördlich von Miami liegt Cape Canaveral, die Insel, auf der die Raumschiffe der USA in den Kosmos starten. Schon, wenn man in die Nähe des Kenedy Space Centers kommt, kann man Bäume mit verbrannten Wipfeln in großen Mengen sehen. Das Center selbst ist für den Tourismus geschaffen und ist eine Ausstellung. Man kann in ein Space Shuttel klettern, Raketen, Raumschiffe und Ausrüstungen betrachten.

Die Meisten, die nach Europa zurückwollen, benutzen dazu wohl einen Flughafen. Selbst per Flug dauert es noch fast 10 Stunden, um von Miami bis Düsseldorf zu fliegen, direkt versteht sich. Der Miami International Airport hat auch einen Lufthansaschalter in der Menge der mindestens hundert verschiedenen Fluggesellschaften, der gerade zweimal täglich für eine Stunde öffnet. Man muss schon genauer hinsehen, wenn man ihn entdecken will...

In Amerika ist Europa weit weg und Deutschland nur ein kleiner Teil davon, das sollte man nicht vergessen, wenn man sich über den großen Teich begeben will...

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letzte Änderung am: Sonntag, 13. Februar 2000